Der verheimlichte Widerstand – Monarchisten gegen Hitler

PROLOG

Wenn man heute etwas zum Thema „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ hört oder liest, so dreht es sich meistens um die Geschwister Scholl von der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ oder um Stauffenberg aus dem konservativen Lager, oder man hört von den unzähligen linken (sozialistischen und kommunistischen) Gruppen, die es natürlich auch gab. Und es ist natürlich auch gut, von diesen Dingen zu erfahren.
Kaum jemand weiß aber, dass es in Österreich auch einen monarchistischen Widerstand gab, und dass dieser – bis zu seiner Zerschlagung durch die Gestapo – auch sehr aktiv war. Dieses Thema wurde in der Zweiten Republik – wohl aufgrund der riesigen, irrationalen Angst vor den Habsburgern nach dem Zweiten Weltkrieg (Stichwort „Habsburg-Krise„), der Panik, enteignetes Vermögen teilweise oder ganz doch an die Habsburger zurückzahlen zu müssen, wenn man das ehemalige Herrscherhaus und seine Anhänger nicht schlecht genug dastehen lässt und der Besessenheit, unbedingt etwas völlig neues zu erschaffen, egal um welchen Preis – einfach totgeschwiegen. Weder hört man im Schulunterricht etwas über die Monarchisten, die gegen Hitler kämpften, noch findet sich zu dem Thema heutzutage leicht Literatur.

DIE „OTTONIA“ UND DER SCHRITT IN DEN WIDERSTAND

Und doch waren die österreichischen Monarchisten die Ersten, die Hitlers Lügen nicht glaubten, sich seinem Diktat nicht beugten und beschlossen, Widerstand zu leisten – und zwar zu einem Zeitpunkt, als selbst die Kommunisten sich noch vom trügerischen Schein des Nationalsozialismus einwickeln ließen und auf eine Verbesserung durch Hitler hofften. Noch am 12. März 1938, in der Nacht des Anschlusses ging der legitimistische Cartellverein „Ottonia“ (benannt nach Otto von Habsburg) geschlossen und per Beschluss seiner Führung in den Widerstand.

Der CV Ottonia (auch „Corps Ottonen“ genannt) wurde 1922 von den drei Weltkriegsveteranen Erwin Drahowzal von Allsperg, Oskar Kozurik und Karl Burian gegründet. Diese drei waren überzeugte Österreicher und Anhänger der Habsburgermonarchie.
Während den 1930er Jahren kämpfte die Ottonia gegen die Bedrohung einer sozialistischen wie nationalsozialistischen Diktatur, mit dem Ziel, die schwarz-gelbe Monarchie wiederzuerrichten. Zu diesem Zweck arbeitete sie mit den heute umstrittenen Bundeskanzlern Dollfuß und Schuschnigg zusammen, obwohl sie mit deren politischen Ansichten nicht übereinstimmte.

OTTO VON HABSBURGS KAMPF GEGEN DIE NAZIS

Nach dem Anschluss nahm die Ottonia Kontakt zu Otto von Habsburg auf, der sich – von den Nazis als „Habsburgs entarteter Spross“ bereits steckblieflich gesucht – bereits im Ausland befand. Nachdem Otto von Habsburg das Angebot Hitlers, zu dessen Handlanger und Statthalter in der „Ostmark“ zu werden abgelehnt hatte, ja sich sogar geweigert hatte, den braunen Diktator persönlich zu sehen, wurde der Sohn des letzten Österreichischen Kaisers im Deutschen Reich schnell zum Staatsfeind Nummer eins. Nach Bordeaux und später, nach der Einnahme Frankreichs durch die Nazis nach Spanien geflohen, half Habsburg tausenden von im Dritten Reich Verfolgten, per Reisevisa über Spanien und Portugal nach Südamerika zu gelangen. Dabei nahm auch er die Hilfe der heute mit Hitler in einen Topf geworfenen Staatsoberhäupter Spaniens und Portugals, Francisco Franco und António de Oliviera Salazar, an – ein Schritt, der Otto von Habsburg bis zu seinem Tode 2011 von Linken vorgeworfen wird, die sich weigern, die gute Absicht und das gute Resultat tausender geretteter Leben zu sehen.

Als die Lage für Otto von Habsburg gefählicher wurde, ging dieser in die USA, wo er als „Otto of Austria“ von Präsident Roosevelt empfangen wurde. In Washington versuchte er, den Präsidenten von der Aufstellung eines österreichischen Bataillons innerhalb der US-Armee zu überzeugen, was jedoch von seinem Gegner, dem ebenfalls in Amerika exilierten tschechischen Nationalisten Edvard Benes (uns Österreichern vor allem durch die Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen durch die sogenannten „Benes-Dekrete“ bekannt) verhindert wurde. Dennoch setzte Habsburg in den USA durch, dass Österreich als Land (gemeint sind also nicht die Österreicher, die zum Teil mit den Nazis kooporierten – wie übrigens die Bevölkerung anderer besetzter Länder wie Dänemark, der Ukraine, Tschechiens, Norwegens, Frankreichs uswusw auch) als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurde und zB in der Reihe der Briefmarken mit den Fahnen besetzer Länder seinen Platz fand – auch eine Sache, die heute nicht unumstritten ist. Dennoch war das ein wichtiger Schritt zur Moskauer Deklaration und zum Beschluss, dass Österreich nach dem Sieg der Alliierten wieder von Deutschland getrennt werden würde.

Andere Angehörige des österreichischen Adels hatten nicht das Glück, rechtzeitig ins Ausland fliehen zu können. So wurden die beiden Erzherzöge Maximilian und Ernst von Hohenberg – Söhne des 1914 ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand – am 1. April 1938 (20 Tage nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich) ins KZ Dachau gebracht bis sie 1940 bzw 1943 freigelassen wurden.

AKTIONEN DES MONARCHISTISCHEN WIDERSTANDES

Für die Monarchisten innerhalb des annektierten Österreich wurde die Lage schlimmer. Burian, der auf Wunsch Otto von Habsburgs als Insider Offizier in der Wehrmacht wurde, hatte nach dem Anschluss den Fahneneid auf Hitler verweigert, weil er dadurch den geleisteten Eid auf die k.u.k Armee und auf Kaiser und Vaterland verleugnen hätte müssen. Dies machte ihn verdächtig und brachte ihn ins Visier der Gestapo.
Während der ersten Zeit nach dem Anschluss warb er innerhalb des annektierten Österreich für eine Restauration der Habsburger und schmuggelte ausländische Zeitungen ins Land. Ähnlich wie die „Weiße Rose“ in Deutschland druckte das „Corps Ottonen“ (das sich fortan auch „Zentralkomitee der monarchistischen Bewegungen“ nannte) Flugblätter, die für die Befreiung Österreichs warben. Auch in Brünn und Prag wurden Mitglieder rekrutiert. Außerdem übermittelte Burian Details über die Wehrmacht – unter anderem über den Angriffsplan auf die Tschechoslowakei – über Kontakte der Gruppe zum polnischen Geheimdienst an die Westmächte. Auch ein Bombenanschlag auf die Niederlassung der Gestapo in Wien war geplant, jedoch wurde die Gruppe vor dessen Ausführung durch einen Maulwurf verraten.

VERHAFTUNG UND HINRICHTUNG KARL BURIANS

Am 13. Oktober 1938 wurde Karl Burian verhaftet und befand sich daraufhin 5 Jahre in Untersuchungshaft. Erst 1944 wurde ihm und anderen Mitgliedern der Ottonia der Prozess gemacht. Nach einem Schuldspruch in der Anklage des „Versuchs der gewaltsamen Lostrennung der Ostmark vom Deutschen Reich und der Errichtung einer alle früheren Gebietsteile umfassenden Monarchie unter Otto von Habsburg“ sowie des Hochverrats als Wehrmachtsoffizier wurde Karl Burian am 13. März 1944, genau 6 Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs, in Wien durch Enthauptung hingerichtet.

DIE „ILLEGALE ÖSTERREICHISCHE KAISERTREUE FRONT“

Eine weitere monarchistische Widerstandsgruppe im von den Nazis annektierten Österreich war die „Illegale Österreichische Kaisertreue Front“ (IÖKF), die aus der „Kaisertreuen Volkspartei“ der Ersten Republik hervorgegangen war. Diese Gruppe hatte etwa 80 Mitglieder und wurde von Leopold Eichinger und Leopold Hof angeführt. 
Laut dem „Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes“ hat diese Gruppe zwischen 1940 und 1943 mehr als 70 000 Flugzettel verteilt, die Inhalte hatten wie „Wir waren und kommen wieder“, „Weg mit dem Hitler-Regime“, „IÖKF für ein freies Österreich“, „Front und Heimat, ihr kämpfet für einen Narren“ oder „Hitlers Werk: Krieg, Hunger, Volksversklavung“. 

Die Gruppe wurde allerdings 1942 vom Naziregime zerschlagen und Leopold Hof wurde wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung“  zum Tode verurteilt und am 18.Februar 1944 hingerichtet. Von der Hinrichtung Leopold Eichingers wurde aus gesundheitlichen Gründen abgesehen. 

CONCLUSIO

Das Thema des monarchistischen Widerstandes wird, wie bereits erwähnt, heutzutage bewusst totgeschwiegen. Die Linke hat das Thema „Widerstand“ voll und ganz vereinnahmt und versucht, die heutige Jugend glauben zu machen, dass nur Sozialisten und Kommunisten gegen die Nazis waren. Und das ist auch klar, da nach dem Weltbild heutiger linker Parteien, ja alle nicht sozialistischen politischen Richtungen ohnehin faschistisch und mit den Nazis zu vergleichen sind. Da käme es nicht genehm, wenn allgemein bekannt würde, dass der erste Widerstand in Österreich nicht von linker oder liberaler Seite kam, sondern von konservativer Seite. Menschen wie Otto von Habsburg und die meisten österreichischen Monarchisten konnten mit einem System wie dem der Nazis weit weniger anfangen als die damaligen Kommunisten.

Habsburg erzählte seinen Biographen Eva Demmerle und Stephan Baier, wie er damals kurz nach der Machtergreifung Hitlers in Berlin war. Er sah einen großen Menschenauflauf und hörte, dass Hitler eine Parade veranstalten würde. Zusammen mit einer Gruppe Kommunisten, die das Ziel hatten, die Parade zu verhindern, ging er auch dorthin, und als Hitler in seinem Wagen vorbeigefahren kam bemerkte er mit Erstaunen die Ausstrahlung des deutschen Diktators. Und plötzlich rissen sämtliche Kommunisten ihren rechten Arm zum Hitlergruß hoch und Habsburg dachte schon, die Welt sei verrückt geworden. Die Ausstrahlung Hitlers hatte selbst die Kommunisten verführt. Natürlich geben heutige Linke das nicht zu.
Doch Otto von Habsburg sagte, er wusste von Beginn an, dass die Machtergreifung Hitlers Krieg bedeutete. Als Hitler erfuhr, dass Habsburg in Berlin sei, lud er ihn über einen Hohenzollern-Prinzen ein, um ihm das Angebot zu machen, Statthalter der Nazis in der „Ostmark“ zu werden. Doch Habsburg lehnte jedes Gespräch ab, woraufhin Hitler ihn steckbrieflich suchen ließ.

Wie bereits in meinem Artikel über die Habsburgermonarchie beschrieben, erkennt man wieder, wiesehr die Habsburger – auch Otto von Habsburg – Nationalismus und vor allem Nationalsozialismus verabscheuen.

Ich hoffe, dass die Bildung, die uns und unseren Kindern in den Schulen vermittelt wird, bald neutraler wird, und dass zugegeben wird, dass gute Dinge auch von Seiten im heutigen Zeitgeist unbeliebter, „politisch inkorrekter“ Menschen kamen. Der groß angelegte Trauerzug anlässlich der Beerdigung Otto von Habsburgs am 16. Juli 2011war meines Erachtens zumindest ein erster Schritt in die richtige Richtung: nicht nur Bundespräsident Fischer und Bundeskanzler Faymann nahmen Teil, sondern auch die Monarchen bzw Angehörige des Herrscherhauses von Schweden, Luxemburg, Liechtenstein und Jordanien sowie der entthronten Herrscherhäuser von Rumänien und Bulgarien. Auch Vertreter des Europaparlaments, dem Habsburg lange angehörte, und Vertreter der Paneuropa-Union waren anwesend. Otto von Habsburgs Würdigungen anlässlich dieses Ereignisses erregten immerhin großes mediales Aufsehen und wurden oft zitiert.

Trotzdem muss noch mehr zur Aufklärung geschehen. Der monarchistische Widerstand ist ein Fakt. Lassen wir nicht mehr zu, dass er verheimlicht oder heruntergespielt wird, denn das wäre eine Verhöhnung all jener Widerstandskämpfer die im Kampf für ein freies Österreich in Konzentrationslagern oder Gestapo-Niederlassungen ihr Leben für unser Land gaben.

LITERATUREMPFEHLUNG:

Baier Stephan, Demmerle Eva: „Otto von Habsburg 1912-2011“. Amalthea. ISBN: 978-3-85002802-8

(Anm.: Wie bereits erwähnt, wird der monarchistische Widerstand weitgehend totgeschwiegen. Dementsprechend gibt es auch kaum mir bekannte Literatur darüber. Diverse Forschungseinrichtungen in Österreich zum Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus sollten jedoch Informationen zum Thema vorrätig haben und auch im Internet findet sich einiges dazu.)

Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes über Karl Burian

Leonhard Kern: Der politische Widerstand gegen das NS-Regime

Bildnachweis: http://www.doew.at/service/ausstellung/1938/21/21_17.html

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6 Kommentare

  1. ekattwinkel · · Antwort

    Das sind für mich sehr neue und interessante Informationen. Danke dafür!- Auch bei uns in Deutschland ist, m. E., die offizielle Erinnerungskultur an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus eher einseitig: Georg Elser wird z. B. völlig unterschätzt und fast totgeschwiegen. Leider. LG E.K.

  2. Danke für das Anreißen des monarchistischen und anderen konservativen Widerstands in Österreich, der sehr aktiv war, viele Opfer erbrachte, aber kaum thematisiert wird. Letztlich hat es in Österreich ja nur zwei wesentliche Gruppen gegeben, aus denen sich Widerstandskämpfer rekrutiert haben: Kommunisten und (Katholisch-)Konservative.

    1. Ja so ist es. Heute wird es oft so dargestgellt, als sei der Nationalsozialismus eine konservative Strömung gewesen, dabei sieht man, vor allem in der Beginnphase, dass er eigentlich eine umstürzlerisch-revolutionäre Bewegung war, die sich nur (zum Teil) konservativer Symbolik bedient hat. Und da die Nazis sich dabei großteils auf eine Vergangenheit beriefen, die es nie gegeben hat, kann man nicht sagen, dass sie irgendwas erhalten haben – im Gegenteil, sie haben alles geändert. Somit kein „conservare“ -> sie waren nicht konservativ.

  3. […] Quelle: truehistoryblog.wordpress.com vom 05.10.2013 […]

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